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Hellerau – Erste deutsche Gartenstadt – (Winter-) Streifzug 3 der Dresdner Verkehrsbetriebe AG (DVB)

Neben den „klassischen“ – und ebenfalls empfehlenswerten – Führungen der Gästeführer gibt es in Dresden eine schöne Alternative für Alle die einen Rundgang in „Eigenregie“ bevorzugen. Die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) veröffentlichen unter dem Titel „Mit Bus & Bahn ins Grüne“ sogenannte Streifzüge zu den schönsten Ecken der Stadt.
Streifzug 3 – dessen Nummerierung auch in diesem Beitrag gefolgt wird – führt mit der Straßenbahnlinie 8 in die Gartenstadt Hellerau. Nah dran ist man aber auch mit der Straßenbahnlinie 7 oder den Buslinien 70 und 72.

„Die frühe Moderne auf den Gebieten der Architektur und des Design wird in Deutschland zumeist mit dem Bauhaus und der Weimarer Republik verbunden. Der Aufbruch zu neuen Formen der Kunst und des Bauens, der Lebens- und Umweltgestaltung fand jedoch schon vor dem Ersten Weltkrieg statt, und das vitalste Zentrum dieses Neubeginns war Hellerau im Norden Dresdens. Hier revolutionierten die Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst das Design von Möbeln und Wohnungsinterieurs, hier entstand nach englischem Vorbild die bedeutendste deutsche Gartenstadt, hier bündelten sich im Festspielhaus Heinrich Tessenows vielfältige neue Ideen in Musik, Tanz und darstellender Kunst – Hellerau steht wie kein zweiter Ort für den Beginn der Moderne in Deutschland.“ (H. Karge).

Die juristische Gründung der Gartenstadtgesellschaft erfolgte im Jahr 1908. Zu dieser Zeit entwarf der Architekt Richard Riemerschmid die ersten Gebäude. Weitere namhafte Architekten der Gartenstadt waren Hermann Muthesius, Heinrich Tessenow, Gustav Lüdecke, H. Walter Reitz und Bruno Paul.

Die Wanderroute beginnt „Am Hellerrand“ bzw. der gleichnamigen Haltestelle der Straßenbahnlinie 8. Dort befindet sich der Friedhof Klotzsche (Nummer 1). Dieser wurde 1886 eröffnet. Auf ca. 1,2 ha befinden sich fast 2.500 Gräber. Der dänische Schriftsteller und Nobelpreisträger Karl Gjellerup (1857 – 1919, Bild Mitte), der Gründer der Deutschen Werkstätten Hellerau Karl Schmidt (1873 – 1948), der Geologieprofessor Sophus Ruge (1831 – 1903), der Kirchenarchitekt Woldemar Kandler (1866 – 1929) und der Oberlausitzer Dichter Rudolf Gärtner (1875 – 1952) wurden auf dem Alten Friedhof bestattet.

Der „Kurze Weg“ führt zum Markt (Nummer 2). Hier gibt es kleine Läden und das Kaffee Hellerau. Markttag am Markt ist immer Freitags von 9 bis 16 Uhr. Die Haussegmente auf der westlichen Marktseite sind als sogenannte Zweispänner angelegt. An einem Treppenhaus liegen hier zwei Wohnungen.

Vom Hellerauer Marktbäcker aus geht „Am Grünen Zipfel“ (Nummer 3) durch die typische Hellerauer Architektur. Hier – und zwar am südlichen Ende – findet man auch das erste Haus der Gartenstadt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich das Bürgerzentrum Waldschänke (Nummer 4). Aus der einst verfallenen Waldschänke ist inzwischen ein echtes Schmuckstück geworden. Als Bürgerzentrum erfreut es sich inzwischen wieder größer Beliebtheit bei den Hellerauern und ihren Gästen.

Den „Moritzburger Weg“ entlang führt der Rundgang vorbei am einstigen Wohnhaus von Karl Schmidt zu den Deutschen Werkstätten Hellerau (Nummer 5). Das Gebäudeensemble entstand 1909 nach Entwürfen von Richard Riemerschmid. Neben der Produktion (ab 1910) befanden sich in den Gebäuden die Verwaltung, das Maschinenhaus und das Holzlager. Bekannt ist das Gebäudeensemble auch unter dem Namen „Schraubzwinge“, da der Grundriss dieses Werkzeug erkennen lässt.

Die Doppelhausanlage „Heideweg Nr. 24/26“ (Nummer 6) befindet sich im Landhaus- oder Villenviertel der Gartenstadt. Architekt Tessenow orientierte bei den beiden fast identischen Bauwerken an Goethes Gartenhaus in Weimar. Beide Häuser verfügen über nahezu deckungsgleiche Grundrisse und unterscheiden sich lediglich durch die Anordnung und Größe der Fenster auf den abgewandten Schmalseiten.

Stufen führen hinauf zu „Auf dem Sand“ (Nummer 7). Am Ende der Treppenanlage befindet sich eine einzelne Garage. Deren Dach ist etwas gezogen und überdacht so auch einen Teil der Treppenanlage. Die markante Garage ist keinem Gebäude zugeordnet. Es wird vermutet, dass Garage und öffentliche Treppenanlage gebaut wurden um die Zuwegung zum Objekt Tännichtweg 14 zu verbessern.

Über „Heideweg“ und „Am Talkenberg“ geht es zu „Am Sonnehang“ (Nummer 8). Hier entstand einst – anlässlich des fünfundzwanzigjährigen Bestehens der Gartenstadt – die Ausstellung „Die neue Zeit – Holzhäuser der Deutschen Werkstätten“. Für die Musterhausausstellung waren ursprünglich 15 Häuser geplant. Acht konnten gezeigt werden, da die übrigen bereits vorher verkauft waren.
Die Häuser basieren auf einem markanten Konstruktionssystem – der Hellerauer „Kassette“: Für den Möbelbau üblicherweise nicht verwendbare Schwartenbretter waren außen auf einen 60 cm breiten, geschosshohen Holzrahmen genagelt. Starke Sperrholzplatten verkleideten die Innenseite. Abgedichtet wurde der Hohlraum mit Dachpappe.

Nördlich des Marktes geht es über den „Ruscheweg“ zu „Am Schänkenberg“ (Nummer 9). Tessenows-Patentwand muss an dieser Stelle erwähnt werden. Tessenow experimentierte seit 1908 am ökonomischen Aufbau einer zweischaligen Wand aus einer Holzkonstruktion.

Im Jahr 1913 wurde der Kleinhauskomplex vom Typ V fertiggestellt. Die Straße „Am Pfarrlehn“ (Nummer 10) wurde mit fünf Reihenhäusern und einem südlich anknüpfenden Einfamilienhaus erbaut. In zweiter Reihe befinden sich zwei weitere Einfamilienhäuser. Die drei Einfamilienhäusern sind mit der Tessnow-Patentwand gebaut, während das Reihenhaus eine Fachwerkkonstruktion auf durchlaufend gemauertem Erdgeschoss ist.

Von „Am Pfarrlehn“ ist die „Karl-Liebknecht-Straße“ zu überqueren. „Am Schützenfelde“ (Nummer 11) fallen charakteristisch Gurtgesimse zwischen den Ober- und Erdgeschossen auf. Außerdem sind die Häuserreihen mit Kopf- und Mittelbauten klar gegliedert.

Das neue Quartier „Am Schulfeld“ (Nummer 12) setzt konsequent die Entwicklung der Siedlung fort. Von 1997 bis 1999 wurden hier 71 Reihenhäuser und zehn Eigentumswohnungen errichtet. Die äußeren Reihenhäuser sind in heller, blauer Farbe gestrichen. Dazwischen umschließen die innenliegenden Reihenhäuser einen höher gelegenen Hofbereich. Mit der gewählten Gestaltung wird die Idee der Gartenstadt hervorragend modern interpretiert.

Über den „Kirchsteig“ erreicht man den „Heinrich-Tessenow-Weg“. Hier befindet sich die 84. Grundschule (Nummer 13). Am 6. Oktober 2006 wurde der Schule vom Dresdner Stadtrat der Ehrennahme „Schule in der Gartenstadt“ verliehen. Architekt Kurt Frick hatte sich im Jahr 1912 mit seinem Entwurf bei einem Wettbewerb für eine Volksschule durchgesetzt. Dieser wurde damals von der Gemeinde Rähnitz-Hellerau und dem Bürgerverein Hellerau ausgeschrieben.

Der Streifzug endet auf der „Karl-Liebknecht-Straße 56“ (Nummer 14). Hier befindet sich das Ensemble des Festspielhauses Hellerau.

Neben dem Festspielhaus, dem ehemaligen Kasernenflügel und den Pensionshäusern beeindruckt seit Anfang 2014 ein weiteres, komplett saniertes Gebäude. Im Süden der Anlage wurde im Jahr 1911 ein großes Pensionshaus als Mädcheninternat und Haushaltsschule errichtet. Ursprünglich lag dieses Gebäude in zweiter Reihe hinter den Pensionshäusern des Festspielhauses. Durch den Ausbau der „Karl-Liebknecht-Straße“ liegt es heute in vorderer Reihe.

Die Sanierung des Ostflügel des Festspielhaus-Ensembles steht aus und wird hoffentlich in den nächsten Jahren in Angriff genommen. Darüber und auch über weitere Neuerungen in der zauberhaften Gartenstadt Hellerau hält blechburg.de auf dem Laufenden.

Quellen:
Hellerau – Erste deutsche Gartenstadt – (Winter-) Streifzug 3 der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB), Flyer der DVB
http://www.kirchgemeinde-klotzsche.de (ev.-luth. Kirchgemeinde Dresden Klotzsche)
Die Gartenstadt Hellerau – Die Geschichte ihrer Bauten, Hrsg. R. Lindner und H.-P. Löhr, Sandstein Verlag, Dresden 2008
Gartenstadt Hellerau – Architekturführer, Claudia Berger, DVA, München 2008
Das Phänomen Hellerau, H. Karge zum Standardwerk zur bedeutendsten deutschen Gartenstadt von Nils M. Schinker, Zeitung Dresdner Neueste Nachrichten, 7. November 2014, S. 10